In Ami-Land rufen so ziemlich jeden Tag irgendwelche Organisationen zu Gedenk- und “Awareness”-Tagen, Wochen oder sogar Monaten auf. Darunter auch ziemlich abstruse Geschichten. Aber es gibt auch durchaus Aufrufe, die meiner Meinung nach wirklich Sinn machen.
So z.B. erklärt das Magazin “Adbusters” diese Woche zur “Digital Detox Week”. Ursprünglich startete diese zweimal jährlich stattfindende Kampagne unter dem Namen “Turn Off Week” und sollte auf den steigenden TV-Konsum und seine Folgen insbesondere für Kinder aufmerksam machen. Neben dem Fernseher sind es heute noch der PC, Handys und Spielekonsolen die Tag für Tag unsere Aufmerksamkeit fordern und ohne die sich so manch einer sein Leben gar nicht mehr vorstellen kann.
Würde man uns einfach dieser elektronischen Gadgets berauben, so würden sich im Extremfall wirklich Entzugserscheinungen wie beim Drogenentzug einstellen. Wie abhängig wir uns selbst von dieser Welt machen, ist uns oft gar nicht mehr so wirklich bewusst.
aboutpixel.de /Seelenverwandte © Uwe Dreßler
Völlig selbstverständlich ist für viele morgens der Druck auf den Einschaltknopf des PC, oft noch bevor die Kaffeemaschine angeworfen wird. Schnell die Emails checken, Feed-Reader durchforsten und bei diversen Diensten seinen ersten Statuseintrag vornehmen: “Guten Morgen Welt”. Ohne Handy in der Tasche fühlen wir uns unwohl, wenn wir das Haus verlassen, wer nicht innerhalb von 2 Stunden auf eine SMS antwortet wird mit vorwurfsvollen Folge-SMS bombardiert und ohne das ständige Gebimmel, Gepiepse und Jamba-Spar-Abo-Gedudel um uns herum wäre die Welt doch auch viel zu “stumm”. Und “stumm” passt in unsere Welt doch so gar nicht.
Wir müssen twittern, an Pinnwände schreiben, bloggen, IQM-AIM-IRC-Abkürzungssalat-Chats mit bunten Smilies und noch mehr Abkürzungen versehen, uns gruscheln, anstupsen, umarmen und liebhaben. Und wer nicht lieb war wird geblockt, gesperrt, abgelehnt, entfreundet, gebannt, gelöscht. Einfach so per Knopfdruck. Ein Freund weniger. Ein Punkt weniger auf meiner Messskala der Beliebtheit. Weniger Freunde, Follower, Kontakte bedeuten weniger Erfolg, Bekanntheit, Beliebtheit. Freundschaft wird zur Maßeinheit und zu einem sehr inflationär gebrauchten Begriff. Freund = 0 oder 1, geaddet oder eben nicht.
Aber mit Nullen oder Einsen kann man nicht Spielen, Musizieren oder Sport machen. Oder doch? Klar, da schnapp ich mir die WIE-Konsole, die zeigt mir WIE ich WAS zu machen hab und dann hampel ich da vor meiner Glotze rum, nenne das Sport treiben oder Gitarre spielen, und das alles ganz mit mir alleine, gegen mich selbst oder mit mir zusammen, oder WIE?
OK, das ist natürlich ETWAS überspitzt, aber es macht schon Sinn sich diese veränderten Lebensbedingungen und Werteverschiebungen mal ins Bewusstsein zu holen, zu reflektieren und mal wieder ganz bewusst so richtig “old school” zu leben (alle so um die 30 sollten verstehen was ich meine *grins*). Es ging doch früher schließlich auch ohne. Und haben wir da was vermisst? Na gut, wir konnten ja noch nicht wissen, WAS wir vermissen sollen, aber hat ein Tag ohne ständig auf die Uhr, das Handy, den Posteingang oder den Twitterstatus gucken nicht auch etwas sehr Befreiendes an sich?
Wie wär’s mal wieder mit der Tageszeitung statt dem Newsreader? So eine richtige Zeitung, an der man sich noch schwarze Finger von der Druckerschwärze holt und die so herrlich raschelt, wenn man die Seiten umschlägt. Oder vielleicht mal statt Email einen richtigen Brief schreiben, mit obligatorischen Tintenflecken und durchgestrichenen Textteilen, weil es eben keine Backspacetaste gibt. Und man kann bei der Gelegenheit mal wieder Schönschrift üben, wie in der Schule. Ist doch viel persönlicher als Arial oder Times New Roman.
Nehmt euch einfach mal wieder Zeit für das reale Leben. Trefft euch mit Menschen, denen ihr beim Gespräch in die Augen blicken könnt, deren Lachen schöner ist als jedes Smilie, deren Umarmung euch das Herz erwärmt und deren Geschichten mehr Farben haben als das übliche schwarz-weiß von Texteinträgen im Netz. Das digitale Leben ist 2-dimensional, das Leben um uns herum hat soviele Dimensionen mehr. Es lacht, es weint, es tanzt, es fühlt, es atmet, es tut auch manchmal weh. Du kannst es sehen, riechen, schmecken, anfassen, begreifen, bewegen, gestalten.
Ihr müsst ja nicht gleich auf kalten Entzug gehen und euch von allem verabschieden. Das tue ich auch nicht, sonst würde dieser Blogeintrag hier nicht stehen. Aber man sollte sich mal fragen, ob es wirklich so dringend notwendig ist, schon zum 5. Mal die Emails zu checken oder was es mir bringt meine Zeit mit der 150. Castingsendung zu verplempern. Vielleicht mal einen Abend das Handy und auch das Festnetz abschalten, für niemanden erreichbar sein und die Ruhe geniessen. Kleine Freiräume schaffen für Gedankenspiele und Gefühls-Achterbahnen.
Ich werde diese Woche jedenfalls versuchen etwas kürzer zu treten. Und deshalb verkrieche ich mich jetzt auf die Couch und widme mich meiner aktuellen Lektüre.
Und wie betreibt ihr elektronisches Heilfasten, falls ihr Lust habt mitzumachen? Auf was fällt es euch schwer zu verzichten? Bloggen, Chatten, Fernsehen oder Handy?
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