Heute gingen in vielen deutschen Städten junge Menschen auf die Straße um ihren Unmut kundzutun. Unmut darüber, wie Staat, Institutionen und Ausschüsse mit ihrer Zukunft umgehen. Mit ihrer und der der nachfolgenden Generationen. Da geht es um Geld (wie immer), aber auch um Strukturen, Beschränkung von Freiheiten und Wahlmöglichkeiten und die Ökonomisierung von Bildung. Auch MICH geht das etwas an – ich stecke da mitten drin. Auch ich bin Student und habe mit den Veränderungen der letzten Jahre zu kämpfen. Die Auswirkungen sind mit ein Grund, warum es hier in letzter Zeit so still ist – ein voller Stundenplan, Referate, Hausarbeiten und in 3 Wochen warten 11 Klausuren innerhalb 4 Wochen auf mich. Tagesablauf: Essen, Uni, Lernen, Schlafen. Viel mehr geht gerade nicht.
Vielleicht ist das auch ein Grund, warum längst nicht so viele auf den Straßen waren wie noch im vergangenen Jahr – einfach keine Zeit. Oder ist es die Ernüchterung darüber, dass sich seitdem kaum etwas geändert hat? Die Aussicht auf die große Frustration ist wohl eher abschreckend, da suchen wir das große “Wir”-Erfolgserlebnis doch lieber beim Songcontest oder der bevorstehenden Fußball-WM. Dort sind wenigstens messbare Ergebnisse zu erwarten, sei es nun der 1. oder auch nur der 2. oder letzte Platz.
Auch an meiner Hochschule fand das Thema keinerlei Beachtung. Lediglich eine Email vom StuRa, der dazu aufrief seinen demokratischen Rechten generell mehr Ausdruck zu verleihen, indem man sich hochschulpolitisch engagiert. Das ist zwar zugegebenermaßen richtig und wichtig, aber in meinen Augen nicht ausreichend. Auch wenn wir an unserer Hochschule von vielen Missständen nur bedingt betroffen sind, da bei uns z.B. keine Studiengebühren erhoben werden, so gibt es trotzdem viele Bereiche die verbesserungswürdig sind, vom Solidaritätsgedanken mal ganz abgesehen.
Nun würde eine Demo in dieser Stadt auch nicht gerade Eindruck machen. Ich selbst habe zu Demos auch ein gespaltenes Verhältnis. Ich selbst bin kein Demo-Gänger. Nichts desto trotz ist es gut so, dass das Recht dazu im Gesetz verankert ist und ich finde es gut, wenn Menschen sich Gehör verschaffen wollen. Aber neben Demos gibt es genug andere Aktionsformen in denen man sich kritisch mit solchen Themen auseinandersetzen kann. All zu oft erscheinen mit Demonstrationen zu sehr als Monolog. Dialogmöglichkeiten zu schaffen empfinde ich oft als aussichtsreicher.
In dem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Situation während der Schulzeit. Anfang der 90er Jahre fanden eine Reihe von Friedensdemonstrationen statt (war das der Beginn des Irak-Krieges? Ich kann mich nicht mehr genau an den Auslöser erinnern). Auch in meiner Heimatstadt gingen auch viele Schüler auf diese Demos. Manche Schulen haben es erlaubt, manche nicht. Mal abgesehen davon, dass ich zu dem Zeitpunkt vielleicht 12 oder 13 Jahre alt war. Auch meine Schule hat es nicht erlaubt uns an so einer Demo zu beteiligen, es wurde Unterricht gemacht. Bis irgendwann der Feueralarm losging. Als wir uns alle draußen vor dem Schulgebäude einfanden, sahen wir eine große Gruppe von Schülern naderer Schulen, die nun anfingen dafür zu demonstrieren, dass wir auch an der Demo teilnehmen dürfen. Ein kleine Gruppe von ihnen war ins Schulgebäude gestürzt und hatte den Feueralarm ausgelöst, wie wir später erfuhren. So viel zum Thema “Friedens”demo. Was ich aber sehr gut fand, war die Reaktion der Schulleitung. Nachdem sich das Chaos gelichtet hatte, wurden alle Schüler und Lehrer in die Aula gebeten und der Schulleiter hat angeboten, dass wir anstatt auf die Demo zu gehen einen Aktionstag zum Thema “Frieden” veranstalten. Ich glaube, es waren sogar 2 oder 3 Tage, so genau weiß ich es gar nicht mehr. Auch der Rest des Tages wurde für Diskussionen innerhalb der Klassen verwendet. Ich empfand den Aktionstag jedenfalls sinnvoller als in einem Pulk von Menschen durch die Stadt zu marschieren und Weltfrieden zu fordern (nicht das das nicht wichtig wäre, aber ein wenig zu wage, um wirklich etwas zu bewirken).
In manchen Städten, wie Münster oder München, werden parallel zu den Demonstrationen auch Diskussionsmöglichkeiten geboten. Soetwas würde ich mir an meiner Hochschule auch wünschen. Auch im kleineren Umfang kann dabei etwas bewirkt werden. Wozu haben Hochschulen jetzt eigentlich soetwas wie Selbstverwaltung/Selbstbestimmungsrecht oder wie immer sich das genau schimpft, wenn sie die Verantwortung dann doch nur den Länder und irgendwelchen Gremien zuschustern? Dann sind wieder nur die Rahmenbedingungen schuld, an die sie sich zu halten haben und auf die sie keinen Einfluss haben. Für manche Dinge mag das stimmen, aber inhaltlich und strukturell könnte vieles verändert werden, wenn nur gewollt würde. Studienerleichterungen kann es schon geben, wenn z.B. mehr Informationsaustausch stattfindet oder bürokratische Hürden bei Anmelde- und Prüfungsverfahren abgebaut würden. Gerade an so einer kleinen Hochschule wie meiner wäre sogar ein direkter Dialog mit der Studierendenschaft möglich. Wie wäre es mal mit kreativen Brainstorming-Sessions zum Thema “Was kann verbessert werden und wie?”. Ich bin überzeugt davon, das dabei auch genug zusammenkommt, was umsetzbar wäre ohne all zu großen Aufwand oder Geldmittel.
Natürlich ist auch die “große” Politik gefragt. Weitere Kürzungen im Bildungsbereich sind einfach nicht hinnehmbar. Deutschland beraubt sich selbst seiner Zukunft damit. Über dieses Thema könnte ich jetzt Bücher schreiben, aber das überlasse ich in dem Fall lieber anderen. Ich schweife auch schon wieder ab, komme von Hölzchen auf Stöckchen. Das Thema gibt es (leider) auch her.
Aber worauf ich eigentlich zurück will, ist dieses Nichtstun, das Ignorieren, das Hinnehmen. Von einigen aus meinem Umfeld konnte ich Sätze aufschnappen wie “Änderungen bringen MIR doch sowieso nichts mehr, bis dahin bin ich längst fertig.” oder “Ich könnte es mir gar nicht erlauben einfach den Tag zu fehlen, gerade jetzt so kurz vor den Prüfungen.” oder natürlich den Klassiker “Das bringt doch alles sowieso nichts.”. Der mitschwingende Egoismus der ersten Aussage macht mich wütend, die 2. Aussage würde auf mich leider auch zutreffen und verdeutlicht die Zustände von Prüfungs- und Leistungsdruck auf traurige Weise und beim Klassiker weiß ich nicht so recht, ob es mich mehr wütend oder traurig macht.
Dieses “Hinnehmen” und nicht Hinterfragen stelle ich zunehmend auch im studentischen Alltag fest. Die Frage “Warum” taucht da nur sehr selten auf und leider bekommt man auf diese Frage oft auch nur ein “Darum” oder “Dafür ist keine Zeit” entgegnet. Dabei ist es die wichtigste aller Fragen. Das weiß sogar die Sesamstraße: “…wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt bleibt dumm.”. Und wer keine Antwort erhält, leider auch. Wir werden nur noch mit Fakten gefüttert, die der Ansicht anderer nach wichtig und nützlich sind – nützlich vor allem für die Wirtschaft, der wir im Anschluss dieses Wissen ja zur Verfügung stellen sollen. Da kommt man sich manchmal schon wirklich vor wie ein Computer, der mit Daten gefüttert wird und diese dann systematisch nach Algorithmus A, B, oder C abarbeitet um ein Ergebnis E abzuliefern.
Ich will aber selber bessere Programme entwickeln können, und ich will auch andere Daten miteinbeziehen können, als die, die mir vorgegeben werden. Nur so entstehen Innovationen, nur so kann sich etwas verändern. Aber dafür braucht es Raum und Zeit. Und genau die werden durch die ganzen Reformen und Kürzungen eingeschränkt.
Mir fällt zu dem Thema noch sooo viel mehr ein, und vielleicht greife ich das die nächsten Tage auch nochmal auf. Ich habe schon wieder das Gefühl nicht ausreichend etwas gesagt zu haben, weil es noch so viele Aspekte zu berücksichtigen, zu bewerten und zu diskutieren gibt. Wer sich gerne mit mir über das Thema auslassen möchte, darf das gerne hier in den Kommentaren tun oder auch per email (unter Kontakt). Würde mich über einen regen Austausch sehr freuen! Es ist noch so vieles ungesagt.




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